Dr. med. Andreas Kemmler

Herr Dr. med. Andreas Kemmler, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin Reise- und Tropenmedizin, ist vor über einem Jahr als neuer Partner ins «Ärztezentrum Wohlen» eingestiegen. Wie hat er diesen grossen Schritt in die Selbständigkeit vorbereitet und wie hat er ihn erlebt? Was würde er heute anders machen? Das und noch vieles mehr für alle, die diesen Schritt noch vor sich haben und von den Erfahrungen eines Kollegen profitieren möchten.

Herr Doktor Kemmler, was hat Sie dazu bewogen, ins Ärztezentrum Wohlen einzusteigen?

Meinen Praxisvorgänger und Initiator des Ärztezentrums Wohlen, Dr. Stephan Koch, lernte ich bereits am Ende meiner Assistenzzeit, im Rahmen der tropenmedizinischen Ausbildung, kennen. Während den anschliessenden 5 Jahren in Ostafrika blieb dieser Kontakt erhalten und es war für uns damals eine grosse Freude, dass Herr und Frau Koch mit ihrem Sohn und zwei MPAs aus dem Ärztezentrum Wohlen uns während drei Wochen in Tansania besuchten. So ergab sich eines nach dem anderen, so dass wir uns schliesslich noch in Afrika dafür entschieden, im Ärztezentrum Wohlen als Partner einzusteigen.

Wie haben Sie Ihren Wechsel vom afrikanischen in das schweizerische Gesundheitswesen empfunden?

Tansania und die Schweiz sind natürlich zwei ganz unterschiedliche, schwer vergleichbare Welten, auch im medizinischen Bereich. Was verbindend ist, ist der Inhalt und Auftrag, nämlich der Dienst an den kranken Menschen. Dies stets im Fokus zu behalten erleichterte mir auch den medizinischen «Kulturschock». In der dritten Welt wird mit viel einfacheren und bescheideneren Mitteln doch erstaunlich viel erreicht und dies in oftmals gar nicht so schlechter Behandlungsqualität. Als Arzt durfte ich mich sehr interdisziplinär in fast allen Fachbereichen betätigen (Innere Medizin, Gynäkologie, Geburtshilfe, Pädiatrie, Traumatologie, Orthopädie, Urologie, plastische Medizin, Tropenmedizin), was einerseits eine grosse Heraus-forderung darstellte, andererseits sehr erfüllend und spannend war. Zurück in der Schweiz wurde ich wieder mehr zum Schreibtischtäter und Verwalter, woran ich mich bis heute noch nicht gewöhnt habe.

Haben Sie im Standort Wohlen von Anfang an ein gewisses Potential gesehen?

Die Standortfrage habe ich mir eigentlich primär immer nur in Bezug auf Arbeits- und Wohnort gestellt, nie in wirtschaftlicher Hinsicht. Auch erachtete ich Wohlen als grössere Gemeinde und das Freiamt als eigenständige Region und somit als ein medizinisch spannendes Wirkungsfeld.

War eine Einzelpraxis nie ein Thema für Sie?

Als Teamplayer genoss ich das Miteinander während der Assistenzjahre in der Schweiz und in der Zeit in Afrika sehr. Daher war für mich von Anfang an klar, dass ich mich an einer Gemeinschaftspraxis anschliessen werde.

Wie haben Sie das Projekt «Einstieg in ein Ärztezentrum» vorbereitet?

Ich kam als Greenhorn aus Tansania zurück und war mir in keiner Weise bewusst, was administrativ alles auf mich zukommen wird. Am Anfang war es wie eine grosse Welle, fast eine Lawine, die mich zuschüttete, doch als Halbafrikaner ging ich es mit einer gewissen Gelassenheit an und wurde von meinem Vorgänger und den anderen Praxispartnern in allen Belangen sehr unterstützt.

War es schwierig für einen jungen Arzt wie Sie, einen Bankkredit zu bekommen?

Ich war und bin in der glücklichen Lage, dass ich die ganzen finanziellen Verpflichtungen in Raten abzahlen kann. Dank einer grosszügigen «Familienbank» kam ich bisher um einen Bankkredit herum.

Wie haben Sie die letzten Tage vor dem Einstieg erlebt?

Die ersten drei Monate war ich noch angestellt und konnte mich so langsam in die verschiedenen Arbeitsbereiche einarbeiten, dies auch wieder mit der Unterstützung meiner Praxispartner.

Und wie war der erste Tag in der eigenen Praxis?

An den ersten Tag als selbständiger Arzt kann ich mich aber noch gut erinnern. Es war ein Wechselbad der Gefühle, einerseits eine grosse Freude und Dankbarkeit, dass alles bis dahin geklappt hatte, andererseits natürlich auch eine Unsicherheit, ob ich dieser neuen für mich noch unbekannten Herausforderung auch wirklich gewachsen sein werde. Zudem begegnete ich einer gewissen inneren Ambivalence, da ich mich auf der einen Seite auf diesen neuen Lebensabschnitt sehr freute, andererseits es mir auch bewusst wurde, dass dies möglicherweise meine letzte Stelle sein könnte, was in mir, der die vielen Wanderjahre und Stellenwechsel sehr positiv erlebt hatte, doch ein etwas mulmiges Gefühl auslöste.

Wie wurden Sie von den Teammitgliedern aufgenommen?

Sehr, sehr positiv und unterstützend. Es wurde mir so viel Goodwill und Vorschusslorbeeren entgegengebracht, dass es einfach gut kommen musste.

Wie beurteilen Sie die Situation heute? Welches sind Ihrer Meinung nach die Vor- und Nachteile eines Ärztezentrums?

Zu Beginn, die Vorteile überwiegen eindeutig. Wenn die Chemie unter den Partnern stimmt, dann ist die Zusammenarbeit eine wahre Freude. Die Arbeitszeiten können untereinander abgesprochen und auf gewisse individuelle Bedürfnisse angepasst werden. Während den Ferien kann man sich gegenseitig vertreten. Die ganzen Unkosten und Neuanschaffungen können untereinander aufgeteilt werden. Auch von der fachlichen Seite her ist ein unkomplizierter Austausch möglich und die verschiedenen logistischen Hintergrundbereiche können auch gabenspezifisch aufgeteilt werden. Ein Nachteil ist aus meiner Sicht sicherlich die Durchführung von regelmässigen Sitzungen, um die anstehenden Geschäfte zu besprechen und gemeinsame Entscheidungen zu fällen.

Was würden Sie Ihren Kollegen, welche den Schritt in die Selbstständigkeit noch vor sich haben, mit auf den Weg geben?

Erstens, der Beruf als Hausarzt in einem Ärzteteam ist etwas vom interessantesten mit viel Abwechslung und der Möglichkeit, ganzheitliche Medizin zu betreiben. Die neuen Arbeitsmodelle ermöglichen eine bessere Work-Life-Balance, auch die Möglichkeit sich in der Freizeit besser abzugrenzen. Als selbständiger Arzt hat man zudem immer die Möglichkeit, das Arbeitspensum seinen Bedürfnissen – natürlich in Rücksprache mit den Kollegen – anzupassen. Aber auch die finanzielle Seite ist in einer Gemeinschaftspraxis viel attraktiver.

Was sind die Zukunftsperspektiven des Ärztezentrums Wohlen?

Die Grundversorgung in unserer Region wird sich in den nächsten Jahren noch kritischer entwickeln, da Arzt-kollegen ihre Praxis schliessen müssen, ohne die Nachfolge geregelt zu haben. Als Ärztezentrum Wohlen haben wir mit den anderen Praxen den Auftrag, die Grundversorgung in Wohlen und Umgebung sicherzustellen. Um diesem gesellschaftlichen Mandat gerecht zu werden, benötigen auch wir in den nächsten Jahren neue Praxispartner. Doch wir sind überzeugt, dass wenn die Rahmenbedingungen stimmen, auch junge, dynamische Hausärzte kommen werden. Falls jemand Interesse hat, ist eine Kontaktaufnahme für ein erstes Kennenlernen jederzeit gerne möglich.

Herr Doktor Kemmler, wir danken Ihnen herzlich für das Interview und hoffen, dass Ihr Team bald einen Praxispartner finden wird.

www.aerztezentrum-wohlen.ch