Dr. med. Markus Schlittenbauer

Herr Dr. med. Markus Schlittenbauer, Facharzt FMH für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, hat vor über 2 Jahren eine Facharztpraxis in Dietikon ZH eröffnet. Wie hat er diesen grossen Schritt in die berufliche Selbständigkeit vorbereitet und wie hat er ihn erlebt? Was würde er heute anders machen? Das und noch vieles mehr für alle, die diesen Schritt noch vor sich haben und aus den Erfahrungen von Kollegen profitieren möchten.

Herr Doktor Schlittenbauer, warum haben Sie sich für eine «Praxiseröffnung» und nicht für eine «Übernahme» entschieden?

Zunächst hatte ich eher eine Übernahme im Sinn, da ich bereits vor 10 Jahren in Deutschland schon einmal eine Praxis übernommen und «totalsaniert» hatte. Die «Eröffnung einer neuen Praxis» war daher eine Neuauflage für mich. Die Entscheidung einen Standort neu aufzubauen traf ich, als aufgenommene Übernahmeverhandlungen in der Schweiz nicht weitergingen. Der «Praxisstopp» war zudem gerade ausgesetzt.

Weshalb haben Sie sich dafür entschieden, Ihre Praxistätigkeit in Deutschland aufzugeben und in der Schweiz eine neue Existenz aufzubauen?

Für schwerwiegende Schritte wird es immer viele Gründe (oder Hoffnungen?) geben. Einige derer: Das Schweizer Gesundheitssystem ist nach dem System «Sorgfalt statt Masse» organisiert, d.h. die Patienten konsultieren uns nicht wahllos. Die Behandlung ist umfassend und sorgfältig. Dies kommt meiner Arbeitsauffassung entgegen. Auch die belegärztliche, chirurgische Arbeit wird in der Schweiz ermöglicht und geschätzt, während sich in Deutschland der Trend zu Angestelltenstrukturen, Gruppenpraxen und 5-Minuten-Medizin durchsetzt. Belegabteilungen und -praxen haben da keinen Platz mehr. Dann gibt es da ganz sentimentale Gründe: Die eigene Familie kommt aus dem oberbayrisch-schwäbischen Voralpenland – unter Berglern: vor Panorama lebt und arbeitet es sich besser, oder?

Warum haben Sie sich ausgerechnet in Dietikon niedergelassen?

Hierfür gab es vier Hauptgründe:

  1. Der Bezirk war für das Fachgebiet rein rechnerisch deutlich unterversorgt.
  2. Durch die Niederlassung entstand keine starke Konkurrenz zu Schweizer Kollegen – aus Gründen der Fairness kam für mich eine konkurrenzierende Gründung nicht in Frage.
  3. Es stand eine sehr zentrale Mietfläche mit guter Infrastruktur zur Verfügung, zudem lagen mindestens drei Spitäler in der Nähe, die als Beleghäuser in Betracht kamen (bei zwei davon bin ich heute als Belegarzt tätig).
  4. Dietikon ist Schweizer Multikulti «at its best» (45% Anteil an Ausländern und ich bin einer davon!), ländlich und städtisch gleichzeitig.

Wie haben Sie das Projekt «Praxiseröffnung» vorbereitet?

Eigentlich gar nicht: Am Freitag dem 1.3.2013 habe ich die Tätigkeit an der Stadtgrenze von Bonn am Rhein in Deutschland eingestellt, am Montag dem 4.3.2013 die Praxis in Dietikon fertig eingerichtet und am Dienstag dem 5.3.2013 mit dem Praxisbetrieb gestartet.

Welche Ängste haben Sie während der Vorbereitungsphase begleitet?

Naja, es ist eine fünfköpfige Familie zu finanzieren. Am Anfang war die Nachfrage mau. Die Ängste bezogen sich daher in erster Linie auf das Erreichen des «break-even point», d.h. auf den Tag, an dem erstmals Geld eingenommen und nicht «verbrannt» wurde. Der wirtschaftliche Sinkflug ging bereits mit Ende der Sommerferien 2013 in einen anhaltenden Anstieg über und der kontinuierliche Geldfluss somit gesichert.

War es schwierig im Fall einer «Praxiseröffnung» einen Bankkredit zu erhalten?

Die Finanzierung meines Projekts war schwieriger, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Meine Deutsche Bank war nicht Willens mein Projekt in der Schweiz (d.h. ausserhalb der EU) zu finanzieren, weshalb ich mich im zweiten Schritt um einen Kredit bei einer Schweizer Bank bemühte. Nach einigem hin und her klappte es schlussendlich mit einer Schweizer Bank.

Wie haben Sie die letzten Tage vor der «Praxiseröffnung» erlebt?

Die letzten Tage vor der «Praxiseröffnung» waren gleichzeitigt die letzten Tage in meiner Praxis in Bonn. Ich arbeitete bis zum Freitag voll, dann musste ich mich noch von meinen hervorragenden Mitarbeiterinnen, die mich 9 Jahre lang kompetent und loyal unterstützt hatten, verabschieden – emotionale Momente.

Und wie war der erste Tag in der eigenen Praxis?

Profan: die letzten Möbel aufbauen, IT, Telefon, Personalsuche, alleine – auf sich gestellt.

Wie beurteilen Sie die Situation jetzt nach über 2 Jahren?

Ich konnte ein hervorragendes fachmedizinisches Angebot aufstellen. Die meisten Projekte liessen sich umsetzen. Der Personalbereich bleibt eine Dauerbaustelle – motiviertes und qualifiziertes Personal ist Mangelware. Probleme macht zudem die IT (mangelhafte Software, schlechter Support).

Was würden Sie heute anders machen?

Da fällt mir nichts ein.

Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?

Fachliche Kompetenz, Herzblut, der realistische Blick für das Mögliche.

Wie wurden Sie als Deutscher Arzt von Ihren Schweizer Kollegen aufgenommen?

Gemischt. Nach zwei Jahren habe ich mich jedoch gut integriert und ein Zuweisernetzwerk aufgebaut.

Wie rasch gelang Ihnen der Anschluss an die Bevölkerung in Dietikon?

Aus meiner Sicht gut, zügig und problemlos. Die Kommunikation auf «Schwizzerdütsch» mit «Oberbayerisch» geht gut und mit den anderen 50% verständige ich mich mit Englisch und Italienisch passabel.

Was würden Sie Ihren Kollegen, welche den Schritt in die Selbstständigkeit noch vor sich haben, mit auf den Weg geben?

Sich für die Selbstständigkeit zu entscheiden, heisst: Von sich und seiner Kompetenz überzeugt sein, Risiken und Unabhängigkeit bewusst wagen, mehr einsetzen und dafür mehr – auch finanziellen – Erfolg suchen. Mein Rat: Lassen Sie sich gut beraten (z.B. von FEDERER & PARTNERS), um unkalkulierbaren Risiken aus dem Weg zu gehen. Machen Sie beim medizinischen Angebot keine Kompromisse: nur das Beste ist für Ihre Patientinnen und Patienten gut genug – so können Sie fachlich und wirtschaftlich bestehen und es wird sich auch rechnen!

Herr Doktor Schlittenbauer, vielen herzlichen Dank für das Interview.