Dr. med. Götz Kamin

Mein erfolgreicher Weg in die Schweiz

Herr Dr. med. Götz Kamin, Facharzt FMH für Augenheilkunde, hat vor 2 Jahren eine Facharztpraxis in Muri AG eröffnet. Wie hat er diesen grossen Schritt vorbereitet und wie hat er ihn erlebt? Was würde er heute anders machen? Das und noch vieles mehr für alle, die diesen Schritt noch vor sich haben und aus den Erfahrungen von Kollegen profitieren möchten.

Herr Doktor Kamin, warum haben Sie sich für eine «Praxiseröffnung» und nicht für eine «Übernahme» entschieden?

Zum Einen war das ein Resultat der Auseinandersetzung mit meiner ehemaligen Praxispartnerin, die dazu führte, dass ich plötzlich mit der kompletten Einrichtung einer  Gemeinschaftspraxis dastand, zum Anderen hätte ich das notwendige Kapital für die Übernahme und den notwendigen Auf- und Ausbau nicht aufbringen können. Bei einer Übernahme einer gut laufenden Praxis hat man in der Regel hohe Kosten für den ideellen Wert und zusätzliche Kosten für Renovierung und Geräteerneuerung. Das ist wie beim Hauskauf. Da muss man ja auch regelmässig zum Kaufpreis noch die Renovierungskosten und teilweise Neumöblierung, Neuausstattung hinzurechnen.

Weshalb haben Sie sich dafür entschieden, Ihre Praxistätigkeit in Deutschland aufzugeben und gemeinsam mit Ihrer Familie in der Schweiz eine neue Existenz aufzubauen?

Auch da gab es mehrere Gründe: Zunächst ist da die
(Un)gesundheitspolitik der Bundesrepublik, die es schlichtweg unmöglich macht aus der normalen Praxistätigkeit genügend Überschüsse zu erwirtschaften, um daraus ein adäquates Einkommen für den Ruhestand zu haben. Ich wollte nicht am Ende meiner beruflichen Tätigkeit in die Altersarmut abrutschen. Dazu kommt die permanente Herabwürdigung der ärztlichen Tätigkeit durch Kassen und Politik, welche die mediale Macht haben und in der Öffentlichkeit ein Zerrbild der deutschen Ärzte als korrupt, inkompetent und geldgierig verbreiten. Obendrein wird von Kassenseite die Politik massivst in der Gesetzgebung im Sinne der Kassen beeinflusst und so eine permanente Misstrauenskultur gegen Ärzte geschaffen. Damit ist es in der BRD unmöglich Medizin im Sinne der Patienten zu machen. Alles wird nur noch dem Geld untergeordnet und unter «wirtschaftlichen» Aspekten im Sinne der Kassen betrachtet. Gleichzeitig wird medial eine unersättliche Anspruchshaltung der Patienten geschaffen, da ein unbegrenzter Leistungsanspruch suggeriert wird, gleichzeitig aber Mittel immer weiter gekürzt werden. Weitere Gründe gerade in die Schweiz auszuwandern waren die 2012 entfallene Zuzugsbegrenzung und die Niederlassungsfreiheit, sowie natürlich die wesentlich besseren Arbeits- und Honorarbedingungen und ganz wichtig für die Familie die fehlende Sprachbarriere. Oder anders ausgedrückt: Höherer Lebensstandard, wesentlich grössere Zufriedenheit bei der Arbeit und im Privatleben.

Warum haben Sie sich ausgerechnet in Muri im Kanton Aargau niedergelassen?

Wir wollten von Anfang an nicht in ein Ballungsgebiet wie Basel oder Zürich, um dort einer von vielen zu sein, sondern möglichst in ein Gebiet mit echtem Bedarf. Dazu hatten wir FEDERER & PARTNERS beauftragt in sieben deutschsprachigen Kantonen eine Standort- und Potentialanalyse für uns durchzuführen. Nachdem wir uns die interessantesten Standorte angesehen hatten, fiel unsere Wahl auf Muri AG. Zum einen wegen des weit überdurchschnittlichen Potentials, zum anderen aber auch wegen familiärer Überlegungen. Wir haben eine damals 9-jährige Tochter, die hier in die Schule geht.

Wie haben Sie das Projekt «Praxiseröffnung» vorbereitet?

Nachdem der künftige Standort feststand waren uns FEDERER & PARTNERS dabei behilflich geeignete Räumlichkeiten zu finden und haben uns 2 Unternehmen vermittelt, die sich mit dem Aufbau und der Ausgestaltung von Praxen befassen. Wir haben dann die Praxis zunächst im Kopf und auf Papier grob entworfen. Mit einem dieser Unternehmen haben wir dann die endgültige Planung gemacht. Das Unternehmen hat dann die eigentliche Ausführung bestritten, also alle Baupläne und Berechnungen gemacht und bei den Behörden eingereicht und dann alle Gewerke beauftragt und überwacht. Dennoch war es gut, dass wir – meine Frau und ich täglich mit dabei waren und alles im Blick hatten. Parallel dazu – und auch schon im Vorwege – haben wir uns möglichst bei allen zukünftigen Zuweisern und Kollegen bekannt gemacht, d.h. zunächst bin ich, in der späteren Bauphase dann hauptsächlich meine Frau, im Ort herumgegangen und haben Kollegen, Apotheken und Optiker aufgesucht und uns vorgestellt. Nicht zuletzt haben wir bereits als die Entscheidung «Schweiz» getroffen war, begonnen Bücher zu lesen über die Schweiz, das Leben in der Schweiz, Schweizer Besonderheiten und ganz wichtig: «Wie vermeide ich als Deutscher in der Schweiz die gröbsten Fettnäpfchen?»

Welche Ängste haben Sie während der Vorbereitungsphase begleitet?

Wenn man wie wir einen kompletten Neustart unternimmt und dabei alle vorhandenen Mittel restlos ausschöpft und in das neue Projekt einsetzt, dann wird man selbstverständlich bis zum Gelingen ständig die bange Frage im Hinterkopf haben, ob es wohl gut gehen wird? Ebenso plagen einen Fragen, wie «Was passiert im Krankheitsfall?» oder «Werden wir die nötigen Gelder jemals erwirtschaften und unsere Investitionen amortisieren können?». Auch bei bester Planung und Vorbereitung bleiben immer einige Ungewissheiten und Unsicherheiten.

War es schwierig im Fall einer «Praxiseröffnung» einen Bankkredit zu erhalten?

Eigentlich nicht. Wir wussten, dass wir 20% Eigenkapital vorweisen mussten und haben uns darauf eingestellt. Daher war es nicht schwierig, nach Abschluss einer Risikolebens-versicherung zur Kreditsicherung den Kredit zu erhalten.

Wie haben Sie die letzten Tage vor der «Praxiseröffnung» erlebt?

Etwas aufgeregt, in freudiger Erwartung, dass es nun endlich losgeht! und natürlich macht man sich ständig Gedanken, was in letzter Sekunde noch alles schief gehen kann, was an wichtigen Dingen vergessen wurde oder unerledigt geblieben sind. Aus Erfahrung weiss ich: Es geht nie alles glatt!

Und wie war der erste Tag in der eigenen Praxis?

Aufregend! Es begann damit, dass unser Telefon stumm blieb. Kein einziger Anruf ging bei uns ein, trotz der Inserate und sonstigen Startvorbereitungen. Schliesslich sind wir darauf gekommen, dass 5 Leute die Inserate, das Briefpapier und die Visitenkarten geprüft und für gut befunden hatten – und letztlich doch keiner rechtzeitig bemerkt hat, dass die Telefonnummer einen Zahlendreher enthielt. Aber die Schweizer sind ja findig und haben uns per E-Mail angeschrieben.

Wir konnten dann auch rasch den Fehler beseitigen, neue Inserate schalten, Briefpapier und Visitenkarten neu drucken. Danach lief alles wie geschmiert. Unterm Strich hat es uns nicht geschadet. Wichtig dabei zu erwähnen, dass wir mit Hilfe von FEDERER & PARTNERS eine ausgesprochen tüchtige MPA gefunden hatten, die uns den Start ganz erheblich erleichtert hat. Die MPA ist schliesslich das Aushängeschild der Praxis. Sie macht den Erstkontakt mit den Patienten. Wenn der erste Eindruck gut ist, hat man eigentlich schon gewonnen. Als wir dann die Arbeit aufgenommen hatten, tat es dann sehr gut, endlich wieder als Arzt zu arbeiten, mit genügend Zeit für den Patienten und endlich nicht mehr hochtourig im Hamsterrad Patienten durchschleusen zu müssen.

Wie beurteilen Sie die Situation jetzt nach 2 Jahren?

Jeder Tag bestätigt unsere Entscheidung! Wir sind hier angekommen und haben hier eine neue Heimat gefunden. Auch jetzt nach 2 Jahren hören wir immer noch, wie gut es ist, dass Muri jetzt einen Augenarzt hat. Es ist sehr gut aufgenommen worden, dass wir uns gerade hier niedergelassen und Arbeitsplätze geschaffen haben. Besonders möchte ich auch das kollegiale Miteinander mit den Kollegen aller Fachrichtungen hervorheben, das wir hier so positiv erleben. Inzwischen ist die Praxis sehr gut angelaufen und hat alle unsere Erwartungen und Hoffnungen übertroffen. Heute sind wir gewissermassen über den Berg und leben in der ruhigen Gewissheit, dass wir unsere Kredite problemlos bedienen können und hier so leben können, wie wir es uns erträumt hatten.

Was würden Sie heute anders machen?

Obwohl wir bei der Aufstellung unseres Budgets schon einige Mehrkosten eingerechnet hatten, wäre es sicher vorteilhaft gewesen, die Summe noch um 10–15% aufzustocken und mit etwas mehr Eigenmitteln den Kreditrahmen zu erweitern. So hatten wir, da die Praxis doch um einiges teurer wurde, eine derbe Durststrecke zu bewältigen, die uns zwischenzeitlich vor erhebliche Probleme stellte. Hätten wir mehr Zeit zur Vorbereitung gehabt dann hätten wir auch noch einige kleinere Optimierungen vornehmen können. So z. B. ein paar Leute mehr die Briefköpfe etc. Korrekturlesen lassen. Oder jeden Umzugskarton mit einem von aussen lesbaren Inhaltsverzeichnis versehen. Aber das sind Kleinigkeiten, die Planung, die Organisation und der Ablauf waren bestens vorbereitet und durchgeführt – da gibt es nichts, was wir anders gemacht hätten.

Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?

Wenn man in ein fremdes Land geht, dessen Systeme und Abläufe man nicht kennt, dann ist es immer ratsam, sich von kompetenter Seite beraten und helfen zu lassen, damit man teure Fehler vermeidet. In unserem Fall war das FEDERER & PARTNERS, die uns vom ersten Schritt an mit Rat und Tat begleitet und geführt haben. Wir haben diese positive Erfahrung gern an Freunde und Kollegen weitergegeben. Viele waren der Ansicht, dass das Honorar von FEDERER & PARTNERS sehr hoch sei. Wir sind aber der Auffassung, dass die Beratung und Hilfe, die wir erhalten haben, jeden Rappen wert ist. Wir haben das Honorar gern bezahlt. Ein weiterer Punkt ist aber sicher auch unser Auftreten hier in der Schweiz. Wie bereits erwähnt, haben wir in der Vorbereitungsphase diverse Bücher über die Schweiz, die Schweizer Mentalität und das vermeiden unnötiger Fauxpas gelesen. Dabei kam uns sicher zu Gute, dass wir nicht die typischen Deutschen sind, die allen erzählen, wie sie es besser machen sollten.

Wir freuen uns, dass wir hier im Land zu Gast sein dürfen, dass wir hier arbeiten dürfen und an den Errungenschaften des Landes teilhaben dürfen. Für uns ist es selbstverständlich, dass wir uns den Gepflogenheiten unseres Gastlandes anpassen und nicht umgekehrt.

Wie wurden Sie als Deutscher Arzt von Ihren Schweizer Kollegen aufgenommen?

Mit offenen Armen könnte man sagen. Ich habe zu keiner Zeit irgendwelche Resentiments zu spüren bekommen. Ich bin sehr schnell im Kollegenkreis aufgenommen worden. Es war geradezu so, als hätte man lang auf mich gewartet und freue sich über mein Hiersein. So etwas kenne ich aus Deutschland nicht. Die hier erlebte Kollegialität berührt mich schon.

Wie rasch gelang Ihnen der Anschluss an die Bevölkerung in Muri?

Auch das ging sehr schnell. Dadurch, dass unsere Tochter in Muri eingeschult wurde und sie sich gleich mit der Tochter unserer Nachbarn angefreundet hat, sind auch wir schnell mit unseren Nachbarn in näheren Kontakt gekommen. Zudem geht meine Frau sehr offen auf alle zu, erzählt gern unsere Geschichte und knüpft sehr schnell neue Kontakte. Da komme ich schon aus zeitlichen Gründen nicht ganz mit. Inzwischen haben wir hier in Muri schon neue Freunde gefunden mit denen wir uns häufiger treffen. Kurz gesagt, wir sind hier wirklich angekommen.

Was würden Sie Ihren Kollegen, welche den Schritt in die Selbstständigkeit noch vor sich haben, mit auf den Weg geben?

Der Schritt in die Selbstständigkeit ist der Start des eigenen Unternehmens. Darüber könnte ich mittlerweile fast schon ein Buch schreiben. Konnte man früher noch absolut sicher sein, dass eine (Augen-)arztpraxis ein sicherer finanzieller Erfolg wird, so bedarf es heute sorgfältiger Planung und Vorbereitung. So sollte man sich seiner beruflichen Fähigkeiten und Stärken bewusst sein und die künftige Praxis dementsprechend planen, d.h. Räumlichkeiten und Geräte danach ausrichten und den dafür nötigen Finanzbedarf berechnen. Wichtig ist dabei zu wissen, was ist die absolut notwendige Grundausstattung, was kann ich eventuell zusätzlich nutzen und was ist schön zu haben, aber nicht erforderlich. Sicher ist es ein guter Anfang, wenn man sich zu jedem Teil der Praxisausstattung auf einer Tabelle notiert was es kostet und welche Umsätze man damit in welcher Zeit erwirtschaften kann. Die Übernahme einer Praxis kann sich dabei mindestens genauso aufwendig erweisen wie eine Neugründung. Zwar hat man sofort einen Patientenstamm, jedoch muss man auch hier sorgsam überlegen, wie man die nötigen Finanzen zur Übernahme, Renovierung und Geräteerneuerung darstellen kann. Dabei ist es sicher ein guter Rat dazu kompetente Berater zu suchen, die sich gerade in den Dingen auskennen,

Die Ärzte im Studium und klinischer Ausbildung typischerweise nicht lernen, also betriebswirtschaftliches Denken und Handeln. Ich glaube, dass an dieser Stelle die meisten Fehler gemacht werden. So ist es meines Erachtens wichtig schon zu Beginn nicht nur einen Praxis-planer/-Ausstatter zu haben, sondern z. B. auch einen Treuhänder mit Spezialisierung auf niedergelassene Ärzte und einen Koordinator, der bei der Standortanalyse, Objektsuche und den behördlichen Erfordernissen behilflich ist und die notwendigen Kontakte zu den Banken herstellt.

Kurz gesagt: Der schnellste Weg zum Erfolg ist sich von Anfang an von kompetenter Seite beraten zu lassen, um kostspielige Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Herr Doktor Kamin, vielen herzlichen Dank für das Interview.